A Blessing in Disguise

Reportage

THORVALDSEYRI. Alles hier war schwarz. Die Häuser, die Felder, die Berghänge. Nichts regte sich. Kein Vogel sang. Mit der Asche senkte sich absolute Stille über Thorvaldseyri. Die Farm liegt an Islands Südküste, am Fuße des Eyjafjallajökull. „Es sah hier aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, sagt Ólafur Eggertsson. Der Bauer spricht leise. Der Vulkan, der im Frühjahr 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte, drohte damals seine Existenz zu begraben.

Ein Jahr nach dem Ausbruch liegt der Berg in graue Wolken gehüllt. Die Gletscherkuppe entzieht sich der Sicht. Es regnet. Eggertsson arbeitet in einer renovierten Garage an der Einfahrt zum Gehöft und bohrt Löcher in Holzträger. An den Wänden sind Fotostrecken befestigt. Riesige Bilder von rotglühenden Lavaströmen stehen noch in den Ecken. Die Familie eröffnet dort, wo vor einem Jahr an ungefährlichen Tagen Hunderte Schaulustige und Journalisten standen und fotografierten, ein Besucherzentrum. Es erzählt die Geschichte der Farm, der Familie und des Vulkans.

Ingka Ólafsdottir führt durch die unfertige Ausstellung. Die Evakuierung sei für ihren Vater damals sehr schwierig gewesen, sagt die Tochter des Farmbesitzers. „Niemand wusste wann es wieder aufhört. Die Unsicherheit hat ihn damals fast aufgeben lassen.“ Aber Eggertsson machte weiter. Fragt man nach, was ihn durchalten ließ, zuckt er nur mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl. Meine Tiere sind hier. Mein Haus. Wir konnten nicht einfach gehen. Das ist unser Leben hier. Das lässt man nicht einfach zurück.“

Seit über 100 Jahren ist Thorvaldseyri in Familienbesitz. Eggertssons Großvater kaufte die Farm 1906. Heute zählt Thorvaldseyri zu den größten Getreideproduzenten Islands. Im Stall stehen zudem 60 Kühe, die vollautomatisch gemolken werden. Die Anlage ist neu. Sie wurde nach dem Ascheregen eingebaut.

Die alten Melkmaschinen brauchten noch menschliche Hilfe. Und Aschewolke hin oder her – die Kühe mussten zwei Mal pro Tag gemolken werden, so Ólafsdottir. „Also sind mein Bruder und mein Vater täglich mit einem Spezialfahrzeug zur Farm gefahren.“ Ein GPS-System lotste die Männer zum Hof. Draußen sah man nichts. Keine Straßen, keine Gebäude. Ein Foto zeigt die Männer mit Masken und Schutzbrillen im Stall.

Doch nicht nur auf Thorvaldseyri ist man auf den Gedanken gekommen, Kapital aus dem lebenden Berg zu schlagen. Auf der anderen Seite des Vulkans steuert Steinar Sveinsson seinen Jeep durch unwegsames Gelände. Neben dem GPS-System leuchtet ein Tablet-PC über dem Armaturenbrett. Der Bildschirm zeigt Fotos des Ausbruchs. Sveinsson fährt für einen Reiseanbieter zahlungswillige Touristen zur Gletscherzunge des Eismassivs, das den Berg bedeckt. An Bord ist ein Amerikaner, der damals in Frankfurt feststeckte und nun den Verursacher aus der Nähe betrachten will.

Der Land Rover gleitet durch die Wasserläufe, die sich ihren Weg durch die karge Moränenlandschaft wühlen. Immer wieder spritzt das Wasser meterhoch, umschließt den Jeep. Sveinsson erzählt von Touristen, die hier regelmäßig ihre „Mietwagen absaufen lassen“ oder in Treibsandfeldern stecken bleiben. Mitleid hat er keines.

In einem breiten, schwarzen Flussbett unterhalb des Gletschers bringt Sveinsson das Auto zum Stehen. Der Wind peitscht Regenschleier durch das Tal. Sanft-blau leuchten die Eismassen über der einstigen Gletscherlagune. Der ehemals 25 Meter tiefe See ist heute nur noch ein schwarzes Aschefeld. Bei der Eruption schmolzen riesigen Mengen an Eis. Der Strom aus Gletscherwasser, Asche und Gestein suchte sich seinen Weg ins Tal Richtung Meer. Übrig blieb das Flussbett.

Am Rand sitzen Seismographen wie elektronische Spinnen auf riesigen Gesteinsbrocken. Kabel führen zum Boden, verschwinden in der Tiefe. Die Messgeräte sind Teil des isländischen Warnsystems. Schon länger gibt es ein Evakuierungsprogramm für die Westmänner-Inseln vor der Südküste Islands. Sollte sich eine Gletscherflut ins Meer ergießen und einen Tsunami auslösen, würden die Inselbewohner innerhalb weniger Stunden ausgeflogen. Nun arbeite die Regierung gemeinsam mit den Mobilfunknetz-Betreibern auch an einem SMS-Warnsystem für das ganze Land, sagt Sveinsson. Alle Handys im betroffenen Gebiet sollen so automatisch eine Alarmnachricht erhalten.

Rund 700 Menschen seien bei der Eruption vor einem Jahr evakuiert worden. Verletzte oder Tote gab es jedoch keine, so der Reiseführer. Die Zeiten, in denen ein Vulkanausbruch auf der Insel Angst und Schrecken verbreitete, sind lange vorbei. Im Jahr 1783 starb infolge eines verheerenden Ausbruchs rund ein Viertel der isländischen Bevölkerung. Circa 80 Prozent der Schafe verendeten. Ein großer Teil der Vegetation wurde vergiftet. Heute schmücken sich Cafés in Reykjavik mit Fotos vom jüngsten Ausbruch und die Städter zeigen einander stolz Handyfotos vom Ausflug zum speienden Berg.

Im Vergleich zum Rest der Welt war das Interesse der Inselbewohner am Vulkan aber schon damals verhältnismäßig gering. Während sich Europa noch echauffierte, hatte die Isländer ihn schon wieder vergessen. Es gab und gibt wichtigere Dinge zu diskutieren: „krepa“ – die Krise, Bankster, kollabierte Banken und das Icesave-Abkommen. Der Streit darüber, ob die Isländer für die verlorenen Anlagen holländischer und britischer Sparer haften sollen, spaltet mittlerweile die Nation. Auch nach einem abschließenden Referendum, in dem die Mehrheit „neij“ sagte.

Und so schwierig die Zeit unter der Aschewolke auch war, selbst in Thorvaldseyri sieht man heute vor allem die positiven Seiten. Zwar musste die Familie auch lange Zeit nach dem Ausbruch noch bei geschlossenen Fenstern schlafen. Die Asche kroch bei Wind selbst durch die mit Klebeband versiegelten Fenster. Doch Ingka Ólafsdottir erinnert sich lieber an die Menschen, die an den Wochenenden aus Reykjavik kamen, um beim Aufräumen zu helfen. „Viele von denen arbeiteten in einer der Banken“, sagt die junge Frau und lacht. Gemeinsam transportierten sie 400 Tonnen Asche vom Gelände.

Auch den Feldern konnte der Aschregen nichts anhaben. Im Gegenteil. Die schwarze Asche wärmte den Boden, hielt ihn feucht und versorgte ihn mit Mineralien. Die Heuernte fiel daraufhin überdurchschnittlich aus.

Die Gefahr, dass der Berg bald wieder bebt, bleibt. Alle vier bis fünf Jahre bricht auf Island ein Vulkan aus. Doch Eggertsson sieht das gelassen: „Wir haben keine Angst mehr. Wir wissen jetzt, was wir zu erwarten haben. Auf der Farm fühle ich mich jetzt sicherer als anderswo.“ Und überhaupt. Alles aufzugeben und nach Reykjavik zu ziehen, sei keine Option. „Es ist ein Privileg hier zu leben. Natur ist einfach ein großer Bestandteil unseres Lebens. Es wäre sehr schwer, das zu ändern.“ Der Sohn des Farmers zog während des Ausbruchs für eine Woche in die Hauptstadt. Dann hielt er es nicht mehr aus. Er kam zurück, setzte sich auf den Traktor und begann auszusäen.

Eggertsson greift wieder zur Bohrmaschine, installiert die Träger für die übrigen Bilder. Das Besucherzentrum soll Mitte April eröffnen. Es wird einen Film geben, eine Bühne für Veranstaltungen, einen Souvenirshop. Vor einem Jahr ging ein Foto von Thorvaldseyri, überschattet von einer gigantischen weiß-schwarzen Aschewolke, um die Welt. Heute ziert das Bild Postkarten. Auch die wird es am Fuße des Eyjafjallajökull zu kaufen geben.