Bonjour Tristesse

Reportage

CHARLEROI. In Charleroi ist die Sambre kein Fluss, sondern eine Wasserstraße. Grau-braun und träge wallt sie in ihrem Bett aus Zement. Im Hintergrund durchziehen Hochstraßen das Stadtzentrum. Wer den Zug in die belgische Stadt nimmt und aus dem Bahnhof tritt, wird von Tristesse empfangen. Das Wetter erledigt an diesem Tag den Rest. Gegenüber vom Bahnhof scheint ein weißes Hotelgebäude durch den Regenschleier.

Hier beginnt Nicolas Buissart seine Führungen. Seit Charleroi vor gut zwei Jahren von einer niederländischen Zeitung zur hässlichsten Stadt der Welt erkoren wurde, zeigt der 30-Jährige Touristen die trostlosesten Ecken der ehemaligen Industriestadt. Eigentlich arbeitet er als Designer und Künstler. Und “normale Jobs” nimmt er an, um Geld zu verdienen. Seine Tour “Charleroi Adventure” habe als Scherz begonnen, sagt er. Mittlerweile aber identifiziere er sich mit der Rolle des Safari-Führers.

Die Tour-Teilnehmer kommen an diesem Tag aus England, Belgien und Deutschland. Die eine Hälfte von ihnen teilt sich ein eigenes Auto, die andere lädt Buissart in den Laderaum seines Kastenwagens. Sitze gibt es keine. Dafür sind Kartonstücke auf dem Boden verteilt. Der Weg zum ersten Stopp führt durch zahlreiche Schlaglöcher und überflutete Straßen. Safari eben.

Halden und Industrieruinen

Charleroi liegt im Pays Noire, dem ehemaligen Kohlerevier der Wallonie. Ihre Blütezeit erlebte die Region zwischen 1750 und 1865. Damals trug die Gegend maßgeblich zum Wirtschaftsaufschwung Belgiens bei. Als Belgien nach dem Zweiten Weltkrieg der Montanunion beitrat, einer frühen Vorgängerin der heutigen EU, zog dies den Niedergang der wallonischen Industrie nach sich, die dem Preisdruck nicht standhielt. Bergwerke und Stahlfabriken schlossen. Übrig blieben Industrieruinen, Kohlehalden und heute 18Prozent Arbeitslosigkeit. Charleroi liegt in einer der ärmsten Gemeinden des Landes.

Und genau für diese Trostlosigkeit sind Buissarts Safari-Teilnehmer nun bereit, einen ganzen Tag in Charleroi zu verbringen. Der Fremdenführer biegt in eine Seitenstraße ein, fährt rechts ran. Die letzten Meter geht die Gruppe zu Fuß. Über matschige Wiesen und durchs Unterholz lotst der junge Wallone seine Teilnehmer zu stillgelegten Gleisen: Charlerois Geister-Metro. Zerbrochene Steinplatten säumen das Gleisbett. Rostige Schienen führen zur nächsten Station. Nie ist hier ein Zug eingefahren. Nie hat ein Passagier auf den Bänken gesessen. Graffiti zieren die Wände. Äste von Bäumen wachsen in die Station hinein. Überall sammeln sich Laub und Müll. Tote Rolltreppen führen hinab in gähnende Finsternis.

Die nur teilweise fertiggestellte und genutzte Prémetro von Charleroi, eine teils durch Tunnel, teils oberirdisch verkehrende Straßenbahn, gehört zu den größten Fehlinvestitionen des zerstrittenen Landes. Sie ist das Ergebnis der “Waffeleisen-Politik”, die besagt, dass jede Wohltat für Flandern mit einer Wohltat für die Wallonie einhergehen muss und umgekehrt. Dass das geplante Schienennetz für diese Stadt mit gut 200000 Einwohnern und sterbender Industrie überdimensioniert war, interessierte niemanden; wichtig war den wallonischen Politikern, dass sie einen Ausgleich erhielten für den Ausbau des Hafens von Seebrügge im flämischen Norden Belgiens. 1974 begannen die Arbeiten.

Ein geplanter Ring um die Innenstadt wurde nur zu Dreivierteln fertiggestellt, sodass die Straßenbahnen das Zentrum nicht umrunden können. Von acht geplanten Strecken in verschiedene Stadtteile und Vororte von Charleroi wurden zwei in Betrieb genommen. Eine weitere wurde ausgebaut, aber nie für den Linienverkehr freigegeben. Andere Streckenabschnitte kamen über den Rohbau nicht hinaus. Bereits fertige Stationen blieben ohne Anbindung ans Netz und verrotten.

Für Buissart ist das Projekt ein Paradebeispiel für die “korrupte Politik Belgiens”. Er schimpft gern auf die herrschende Klasse und gefällt sich überhaupt in der Rolle des Rebellen. Ein bisschen ist er wohl auch in seiner Eitelkeit gekränkt. Er zählt auf, in welchen Zeitungen und in welchen Fernsehkanälen im In- und Ausland schon über ihn berichtet wurde. Doch “die Leute in Charleroi, die Politiker – alle tun so, als hätten sie noch nie von meiner Tour gehört”, beklagt er sich.

Auch Cecile Hong will noch nie von Buissarts Tour gehört haben. Ihr Büro liegt in einem Gewerbegebiet sieben Kilometer nördlich vom Zentrum. Die 34-Jährige arbeitet für die kommunale Wirtschaftsentwicklungsfirma Igretec und versucht, Investoren herzulocken. Fragt man, wie das gelingen soll, wirft die PR-Frau ihren Beamer an. In der Präsentation wirbt Charleroi, wie so ziemlich alle Standorte Belgiens, damit, im Herzen Europas zu liegen. Hong erzählt von Wissenschaftsparks auf der grünen Wiese und tollen Verkehrsanbindungen zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Sie zeigt aus dem Fenster. Der Flughafen liegt in Rufweite auf der anderen Straßenseite.

Schon lange starten und landen hier Flugzeuge, aber erst als vor einigen Jahren Billigfluglinien Charleroi für sich entdeckten, kam der gewünschte Erfolg. Ein neuer Terminal wurde gebaut, ein weiterer ist in Planung. In diesem Jahr wolle man die Marke von fünf Millionen Passagieren knacken, sagt Hong. Das Problem: So gut wie keiner der Reisenden bleibt in Charleroi. Shuttlebusse bringen die Passagiere in einer Stunde ins Brüsseler Zentrum.

In den Augen vieler Investoren dürfte etwas anderes für die Stadt sprechen als ihre Infrastruktur: Charlerois Armut. Die EU pumpt seit Jahren Subventionen in die strukturschwache Region. Mehr als 300 Millionen Euro sind bereits geflossen, berichtet Hong. Wer in Charleroi und Umgebung neue Jobs schafft, darf sich aus dem Topf bedienen.

“Betreten verboten” zählt nicht

Dabei sei Arbeitslosigkeit für die Carolos, wie die Bürger von Charleroi genannt werden, gar nicht das Problem, sagt Hong. Denn Belgiens Sozialsystem gehöre zu den besten weltweit. Viel mehr frustriere die Leute, dass ihre Region im Rest des Landes ein so schlechtes Image habe. Immer wieder stürzten sich die Medien auf die Stadt. Meistens gehe es um Verbrechen und Korruption. Auch das Haus des Kinderschänders Marc Dutroux steht bei Charleroi. “Die Leute sollen aber stolz auf ihre Gegend sein”, sagt Hong. Deswegen starteten Stadt und Region eine selbstironische Kampagne mit dem Slogan: “Wir hören nie auf, sie zu überraschen.” Stolz zeigt die PR-Frau Hochglanz-Broschüren und Werbefilme.

Doch bis Leute wie Hong es geschafft haben, das Image der Stadt zu ändern, macht Nicolas Buissart den schlechten Ruf von Charleroi weiter zu Geld. Immer tiefer führt er seine Industrie-Touristen in die Vergangenheit des Pays Noir und übersieht dafür geflissentlich jedes Betreten-Verboten-Schild. Buissart erzählt wenig, aber er zeigt umso mehr: stillgelegte Fabriken, rostige Kolosse aus Backstein und Wellblech, alte Hallen nahe der Kohlehalden, in denen noch schweres Gerät zu hören ist. “Die räumen hier auf”, sagt Buissart.

Eine alte Fabrik des britischen Industriellen James Cockerill kündigt er an mit den Worten: “Ähnlich wie das Tacheles in Berlin.” Ein Künstlerkollektiv hat sich Ateliers und Metallwerkstätten hier eingerichtet. Es ist kalt. An vielen Stellen tropft es durchs Dach. Von der Stadt erhalte man so gut wie keine Unterstützung, sagt einer der Besitzer.

Während es langsam dunkel wird, treibt Buissart die Gruppe einen Hügel hinauf zum letzten Stopp der Safari. Mit nassen Schuhen und schlammigen Hosen erreichen die Besucher den Aussichtspunkt. Buissart zeigt ins Tal. Von hier aus sehen die Industrieanlagen und schwarzen Kohlehalden wie ein Abenteuerspielplatz aus. “Beautiful”, entfährt es einer Engländerin beim Anblick der Hässlichkeit in ihrer ganzen Schönheit.