Die Bevölkerung des Himmels

Porträt

REYKJAVIK/BERLIN. Wie so oft vor der Landung, bekommt Katrín Einarsdottir die üblichen Einreiseformulare gereicht. Und wie immer wird sie unter anderem gebeten, ihren Beruf anzugeben. Es sind Situationen wie diese, in denen die junge Frau ins Grübeln kommt. Studentin – ist sie nicht mehr. Arbeitslos – lässt die Beamten misstrauisch werden. Wie bringt es eine arbeitslose junge Frau zu einer derart internationalen Stempelsammlung im Reisepass? In letzter Zeit hat sie es meist mit „Autor“ versucht. Das ist zumindest nicht ganz falsch.

Katrin Einarsdottir, geboren 1987 in Reykjavik, ist eine kosmopolitische Nomadin. Tochter einer Guyanerin und eines Isländers, aufgewachsen in Island und Kanada, tut sie nichts, was andere als Arbeit bezeichnen würden. Sie bereist die Welt. Bisher hat sie 71 Länder gesehen. Bis zu ihrem 30. Lebensjahr sollen es 200 werden. Das ist ihre Mission – auch wenn nicht ganz klar ist, ob es überhaupt so viele Länder gibt.

Bei einem Spaziergang durch Reykjavik erzählt sie von ihrer ersten langen Reise allein, einem Schüleraustausch nach Japan. Damals war sie fünfzehn. Danach fuhr sie mit einem Schiff um die Welt, reiste nach Australien, studierte in Brisbane, Vancouver, Berkeley und Reykjavik Philosophie und Tourismus. Mit 22 hatte sie bereits 45 Länder bereist. „Man wird besser mit der Zeit“, sagt sie, als würde das ihre wahnwitziges Projekt erklären.

Auf Reisen beschränkt sie sich auf das Nötigste. Nur ihren Laptop hat sie fast immer dabei. Schließlich füttert sie ihren Reiseblog aus allen Ecken der Welt. Dass sie in der ostafrikanischen Provinz schräg von der Seite angeschaut wird, wenn sie den kleinen Rechner aufklappt, nimmt sie dafür in Kauf.

Später, auf der Durchreise in Berlin, wird sie in den Rucksack greifen und ein Paar Tangoschuhe neben ihre Flip Flops stellen. Auch das wohl kaum die übliche Ausrüstung eines Globetrotters. Aber man weiß schließlich nie was die Abende bringen, wird sie sagen, lächeln und davon erzählen, wie sie in Buenos Aires Tango tanzen lernte, von ihrer Leidenschaft für das Klavierspielen und für klassische Musik.

Hier in Island verdient sie das Geld, dass sie braucht, um ihre Reisen zu finanzieren – im Service eines Hotels in Reykjavik und als „Pferdefrau“. Im Sommer führt sie Reittouristen über die isländischen Hochebenen, treibt mit den Farmern die Schafherden zusammen, trinkt Wodka, isst Trockenfisch.

Vielleicht hat der Wunsch die Welt zu sehen, auch mit ihrer Herkunft zu tun. Keiner ihrer isländischen Landsleute reist so besessen wie sie, doch viele treibt es ebenso ins Ausland. Sie wissen wie klein ihr Land am Polarkreis ist. Fast jeder ist mit jedem über wenige Ecken verwandt. Auf der Insel leben nur knapp über 300 000 Menschen. Die „Neugier auf die Welt da draußen“ ist riesig, sagt Einarsdottir.

Die Gründe, warum Isländer ihr Land verlassen, sind so verschieden, wie überall sonst auf der Welt. Studium, Arbeit, Liebe. Doch fast alle kommen zurück. „Viele lernen ihren Ehepartner im Ausland kennen und schleppen ihn dann mit zurück nach Island“, sagt sie. So wie ihr Vater ihre Mutter. Dass manche dabei Jamaica oder Italien gegen die karge, kalte Vulkaninsel eintauschen, sorgt regelmäßig für Kopfschütteln.

Aber auch Einarsdottirs Lebenswandel trifft nicht immer auf Verständnis. Viele werfen ihr Oberflächlichkeit vor, sagen, sie nehme sich nicht genug Zeit. Man könne doch ein Land nicht in einer Woche verstehen. „Dabei geht es doch nicht darum wie viel Zeit man in einem Land verbringt, sondern was man aus dieser Zeit macht“, sagt sie.

Einarsdottir reist ohne Netz und doppelten Boden. „Ich lasse mich Hals über Kopf auf jeden neuen Ort ein. Ich reise allein, schlafe selten in Hotels oder Hostels, sondern meist bei Privatpersonen. Ich bombardiere mich mit kulturellen Eindrücken.“

Einarsdottir ist auf der Suche nach Intensität. „Auf Reisen hat alles ein Verfallsdatum, alles ist extremer. Ich habe innerhalb von drei Tagen unglaubliche Freundschaften geschlossen, hatte unglaubliche Liebesaffären, die zwei Nächte dauerten.“ Für viele ihrer Bekannten und Freunde ist das nicht nachvollziehbar – ein Leben ohne Routine und stabiles Umfeld. Sie selbst fände alles andere deprimierend.

Einige Monate später landet sie in Berlin. Bei einem Bier – man ist schließlich in Deutschland – erzählt die sonst distanziert-freundliche Frau von den Schattenseiten des alleine Reisens. Im Frühjahr ist sie mit dem Rucksack durch Ostafrika gezogen. Sie berichtet von wahnwitzigen Visa-Kontrollen, durchwachten Nächten im Niemandsland zwischen der ugandischen und kongolesischen Grenze und von der Angst vergewaltigt zu werden.

Ihr ist nichts passiert –dieses Mal nicht und nie zuvor. Aber muss man irgendwann doch einmal Opfer bringen, wird ausgeraubt oder Schlimmeres, muss man das akzeptieren, sagt sie. „Wer die Welt sehen will, bekommt vielleicht auch die dunklen Seiten zu Gesicht.“

Sie sitzt jetzt da, wo sonst Flugzeuge rollen: in den wilden Gärten auf dem Flugfeld des ehemaligen Airports Berlin Tempelhof. Sie schaut nach oben, da wo sich die Kondensstreifen zweier Flugzeuge kreuzen. „Es gibt Statistiken, die sagen: In einem einzigen Moment sind durchschnittlich 3000 Flugzeuge in der Luft. Jedes der Flugzeuge hat 100 bis 300 Passagiere. Das heißt die Bevölkerung des Himmels beträgt bis zu 900 000 Menschen“, sagt sie und lächelt wieder.

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