“Wer herausragt, wird geköpft.”

Interview

Bill Manhire hat nicht das größte Büro in Wellington, aber das mit dem schönsten Blick. Vom Campus in den Hügeln der Stadt schaut man bis zum Meer. Der 65-Jährige, selbst einer der bekanntesten Lyriker des Landes, leitet die Autorenschmiede International Institute for Modern Letters an der Universität Wellington.

Wenn man in hier in Wellington den Buchladen ‚Unity Books‘ betritt, wird man von einem recht eindrucksvollen Angebot neuseeländischer Lyrik begrüßt. Wer liest Gedichte in Neuseeland?

„Schaut man sich die Buchverkäufe an, könnte man denken: so um die 300 Menschen. Lyrik hat in Neuseeland, wie in vielen westlichen Ländern, überhaupt keinen Warenwert. Man könnte sie nicht auf der Straße verkaufen. Ganz anders als Bananen, wahrscheinlich. Aber wenn man zu diesen großen Übergangsritualen kommt, Hochzeiten, Beerdigungen, wenn sich sehr primitive, tiefe menschliche Gefühle ihren Weg bahnen, dann kommen die Gedichte zum Vorschein.“

Was macht das mit dem Poeten, zu wissen, dass es kaum ein Publikum gibt?

Interessante Frage. Mich stört es nicht. Abgesehen von einigen Familienangelegenheiten sind die glücklichsten Momente meines Lebens die, wenn ich gerade ein Gedicht fertig geschrieben habe. Und es schert mich an diesem Punkt überhaupt nicht, ob das jemals jemand lesen wird. Da ist einfach nur dieses Gefühl, dass da etwas in den Blick geraten ist und ich es festgehalten und vielleicht ein wenig wahrer gemacht habe.

Stiftet das auch Freiheit, zu wissen, dass man kaum beachtet wird?

Ja, ich glaube der Fakt, das Poeten weitgehend ignoriert werden, gibt ihnen die Freiheit, die Grenzen auszuloten und sich Themen zu widmen, die bisher vernachlässigt wurden. In den USA der frühen 1960er sprach niemand öffentlich über Depression, psychische Erkrankungen, Abtreibung oder Selbstmord. Und dann schrieben Robert Lowell und Sylvia Plath Gedichte über diese Tabuthemen und machten sie für alle sichtbar. Plath hätte sicher keinen Artikel über Suizid in der New York Times veröffentlichen können.

Die neuseeländische Dichterin Kate Camp sprach auf der Leipziger Buchmesse von einer gewissen anti-intellektuellen Grundhaltung in der neuseeländischen Gesellschaft.

„Ich glaube viele Neuseeländer schauen sich eine Sache an und fragen sich: Wofür ist das gut? Was ist der praktische Nutzen? Und oft verstehen sie die Funktion eines Gedichtes nicht. Das ist interessant, weil sie das Problem bei einem Lied nicht haben. Bei einem Lied wissen sie, es ist dazu da, sie glücklich zu machen.

Ist das der Grund, warum sie das Jazzprojekt mit dem Komponisten Norman Meehan gemacht haben? Weil man mit Musik mehr Menschen erreicht, als mit Gedichten?

Nein, das war nicht das Motiv, aber vielleicht ist das ein Ergebnis des Ganzen. Das Projekt ist eher zufällig zustande gekommen. Norman Meehan fragte mich, ob er ein paar meiner Gedichte vertonen darf und ich sagte ja. Weil ich immer ja sage. (lacht) Ich glaubte anfangs nicht, dass Gedichten irgendetwas hinzugefügt werden könnte. Wenn ein Gedicht wirklich gut ist, dann funktioniert es für sich auf dem Papier oder auf einer Lesung. Aber als ich dann beschloss, einige Zeilen für seine Musik zu schreiben, war das sehr interessant. Es schien, als müsste ich Worte schreiben, die in gewisser Art und Weise mangelhaft waren. Damit für ihn Raum blieb, aus ihnen etwas Stärkeres, Satteres zu machen.

Sie unterrichten Kreatives Schreiben seit 1975, sind also Lehrer und Produzent in einer Person. Wird ihr Werk deswegen kritischer betrachtet?

Gut möglich. Das Wort ‚Akademiker‘ ist in Neuseeland ein schmutziges Wort. Das Wort ‚Intellektueller‘ ist ein schmutziges Wort. Wenn man jemanden wie mich schlecht machen will, sagt man Sachen wie: Er arbeitet an einer Universität und weiß nichts über das wirkliche Leben. Das ist natürlich dummes Zeug. Wir alle leben im wirklichen Leben. Ob wir wollen oder nicht.

Es stimmt also. Die größte Angst eines neuseeländischen Künstlers ist es, als prätentiös bezeichnet zu werden. Woran liegt das?

Die größte Siedlergruppe in Neuseeland waren die Schotten. Demzufolge hat der Arbeitsethos des Calvinismus hier seine Spuren hinterlassen. Australien wurde Großteils von den Iren besiedelt. Das hat die Australier etwas lebensfroher gemacht. Die Neuseeländer schätzen Leute, die vor sich hinmurmeln und grunzen, aber kein großes Ding draus machen. Es gibt Beispiele von Spielern der All Blacks (das Rugby-Nationalteam Neuseelands, Anm.d.Red.), die ein ganzes Spiel mit gebrochenen Rippen absolvieren. Das sind die Helden – selbstkritisch, ein wenig lakonisch, untertreibend. Nachdem Sir Edmund Hillary den Mount Everest bestiegen hatte, hatte er kein Skript zur Hand á la ‚Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.‘ Seine ersten Worte waren: ‚Wir haben den Bastard erledigt.‘ Und Neuseeländer denken: Ja, genau, so redet man. Es gibt hier das Tall-Poppy-Syndrome. Wer aus der Gesellschaft herausragt, wird geköpft.

Gemeinsam mit dem Dichter Ian Sharp hat Manhire die Website Best New Zealand Poems ins Leben gerufen.