Jan Brandt “Gegen die Welt”

Review

Eigentlich eine Frechheit – so ein 900-Seiten-Roman. Schließlich zwingt er den Viel-Leser, sich für geraume Zeit an ein Buch zu binden. Und handelt es sich bei dem 900-Seiten-Wälzer darüber hinaus um ein Debüt, kann es sich eigentlich nur um Selbstüberschätzung oder den ganz großen Wurf des Autors handeln.

Jan Brandt, 1974 in Leer in Ostfriesland geboren, erzählt in seinem ersten Roman „Gegen die Welt“ die Geschichte einer Jugend auf dem Land, im ostfriesischen Jericho. Das ziegelsteinschwere Werk liest sich, als hätte Stephen King einen Coming-of-Age-Roman geschrieben. Junge Menschen drücken misslaunig die Schulbank. Außenseiter werden von Klassenkameraden gequält. Und Alkohol, Joints und laute Musik sind die einzigen Mittel, mit der sich die Langweile ertragen lässt. Alltag – nicht nur in der ostfriesischen Provinz. Doch unter dem dünnen Mantel des Alltäglichen lauert etwas Unheimliches, ja Monströses. Es schneit im Sommer, Jugendliche sterben brutale Tode, an Hauswänden tauchen phosphoreszierende Hakenkreuze auf – und Daniel soll schuld sein, an fast allem.

Nicht nur der Pastor Jerichos hält Daniel Kuper, den Sohn des Drogerie-Besitzers, für „eine verlorene Seele“. Schmächtig, unbeholfen und gedankenverloren wandelt Daniel durchs Leben. Und je mehr der Junge versucht alle Schuld von sich zu weisen und den Dingen auf den Grund zu gehen, desto mehr bringt er das Dorf gegen sich auf. Daniels Gedanken und Fantasie sind zu groß für die Enge Jerichos. „Die Wirklichkeit ist eine Grenzerfahrung, die sogar die stärksten Geister in den Wahnsinn treibt“, schreibt er in einem Schulaufsatz. Und an der Wirklichkeit und der eigenen Unangepasstheit geht er zu Grunde. Im Kampf gegen Jericho, im Kampf gegen die Welt.

Doch Daniel ist nicht der einzige, der an Jericho – ein Dorf, das man übrigens vergeblich auf jeder Deutschlandkarte sucht – kaputt geht. Eine ganze Handvoll Jungs, alle hatten sie Kontakt mit Daniel, sterben durch Unfälle oder bringen sich um. Sie alle kämpfen auf ihre Weise gegen die Welt und das Dorf und zerbrechen an ihren eigenen Ansprüchen oder denen anderer. Da spielt es keine Rolle, dass mancher zum Studium schon aus Jericho herausgekommen ist. Daniel weiß: Das Dorf ist überall. Ein Entkommen scheint unmöglich. Es sind diese Stellen, die dem Leser bald das Gefühl geben, das Dorf sei etwas Organisches – ein lebendes Wesen, dass die beseitigt, die sich nicht fügen.

Der Autor schwebt über Jericho, wie über einem Versuchsaufbau. Brandt springt von Person zu Person, von Schicksal zu Schicksal. Während er sich einem Leben widmet, geht ein anderes zu Ende. Das Buch nimmt dies zeitweise sogar formal auf: die Seiten teilen sich und wie auf zwei Gleisen gleiten für ein paar Seiten zwei Leben nebeneinander her.

Im unteren Strang widmet sich Brandt hier der packenden Lebensbeichte des Lokführers Walter Baalmann. Eine Zugfahrt lang erzählt Baalmann von den Menschen, die sich vor seinen Zug geworfen haben, von dem Versuch die Suizide psychisch zu verarbeiten und von dem Schmerz, darüber seine Familie zu verlieren. Baalmann taucht im restlichen Buch kaum auf. Im Leben der anderen Jerichoer ist er selten mehr als eine Fußnote. Doch es sind diese vermeintlichen Nebenstränge, in denen sich Brandt als großer Erzähler erweist. Gekonnt verwebt er auf gut 900 Seiten die unterschiedlichsten Biografien, ohne den Überblick zu verlieren, bis der Leser das Gefühl hat, das gesamt Dorf zu kennen.

Die geträumten Träume der Erwachsenen in Jericho, das Leben zwischen Männergesangsverein und Kirche, das notorische Fremdgehen von Daniels Vater Bernhard, genannt Hard – all das beschreibt Brandt in einem Stil, der sehr unaufgeregt daherkommt, der aber in seiner Beiläufigkeit fesselt.
Genüsslich zeichnet er eine beklemmende Welt der schlechten Witze, Pauschalurteile und nichts-sagenden Dialoge. Brandt legt keinen Wert darauf zu komprimieren. In Abständen wiederholt er sogar die immer gleichen Szenen des dörflichen Schulalltags – nur um die einkalkulierte Langeweile an mysteriösen Ereignissen, wie nächtlichen Nazi-Aufmärschen und fürchterlichen Todesfällen, zerschellen zu lassen.

Immer wieder durchbrechen auch Konzertposter, Briefe und andere Dokumente den Textfluss. Zudem zählt der Autor fast manisch die bei Ereignissen anwesenden Personen auf und nennt Marke, Baujahr und Leistung eines jeden auftauchenden Autos, als wolle er betonen: Alles was hier steht ist wahr. Vielleicht ist es die eigene Ausbildung, die Brandt hier ironisch überhöht zum Ausdruck bringt. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München arbeitet seit 1999 als freier Journalist und Autor für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sowie die Süddeutsche Zeitung. Doch etwas weniger Hyperrealismus hätte dem Buch gut getan.

Erwartungsgemäß schafft es „Gegen die Welt“ nicht, den Leser über die gesamte Zeit zu fesseln. Da gibt es zu viel Banales, zu viele Details. Doch immer wenn der Leser droht auszusteigen, entzündet Brandt ein neues Streichholz und beginnt eine neue bisher dunkle Ecke der Dorfgemeinschaft auszuleuchten. So entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Leser wird Teil der Brandt’schen Welt und zu einem Bewohner Jerichos. Der Autor dieser Zeilen begann sogar irgendwann zu glauben, die Erinnerungen der Protagonisten wären die eigenen.

Jan Brandt ist so ein grandioses Debüt gelungen. Dass es das 900-Seite-Werk auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, ist keine Überraschung.