Dancing Amongst Ruins

Column

CHRISTCHURCH. Es ist später Nachmittag, als wir in Christchurch ankommen. Hungrig fahren wir auf der Suche nach einem Restaurant durch die Straßen. Doch keines der im Reiseführer gepriesenen Etablissements im Zentrum existiert noch. Überall nur Schuttberge, Ampeln die leuchten wo kein Auto mehr fährt und immer wieder Sackgassen. Einzig ein in Bierzelten improvisierter Pub wartet auf Kundschaft. Auch über ein Jahr nach dem Erdbeben erinnert Christchurch noch an einen Kriegsschauplatz.

Das Navigationssystem erweist sich schnell als nutzlos. Also steigen wir aus und gehen zu Fuß weiter. Der Fotograf beginnt Bilder zu machen. Ein Werbeschild am Bauzaun einer zerstörten Kirche offeriert „Lach-Seminare – Für Stressabbau, Wohlbefinden und Team Building“.

Als wir um die nächste Straßenecke biegen, blitzt zwischen Lagerhäusern und Bürogebäuden eine Diskokugel auf. Als wir näher kommen, hören wir Musik die aus Lautsprechern schallt. Zwei Menschen in schwarz wirbeln über eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Die beiden schwitzen in der Kälte des Neuseeländischen Herbsts.

„Wir trainieren oft hier“, sagt James. „Alle Tanzstudios wurden beschädigt. Also kommen wir hierher, um zu tanzen.“ „Immerhin ist es günstig“, sagt seine Tanzpartnerin Amy. Sie geht zu einem Waschmaschinen-großen Kasten am Rande der Tanzfläche. Dance-O-Mat steht darauf. Der Kasten – der wirklich mal eine Waschmaschine war – wird mit 2$-Stücken betrieben und bietet die Möglichkeit den eigenen Mp3-Player anzuschließen. Für 2$ gibt es 30 Minuten Musik.

Der Dance-O-Mat ist Teil des Gap Filler-Projekts. Gap Filler, was auf Deutsch so viel wie ‚Lückenfüller‘ heißt, nennt sich selbst eine kreative, urbane Regenerationsinitiative. Ins Leben gerufen nach dem Canterbury-Erdbeben 2010, wurde das Projekt nach dem Beben 2011 verlängert und ausgebaut. Gap Filler versucht Brachflächen, die mittlerweile von den Trümmern eingestürzter Häuser befreit wurden, wieder mit Leben zu füllen. Jeder der eine Idee hat, kann sich an die Initiative wenden. Gap Filler hilft dann dabei das Ganze umzusetzen und kümmert sich um rechtliche und sonstige bürokratische Angelegenheiten.

Open-Air-Kinos, Fotoausstellungen oder ein Kühlschrank voller Bücher als Stadtteilbibliothek. Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, stößt mittlerweile allerorts auf die Lückenfüller, die versuchen, der schwierigen Situation der Stadt etwas Positives abzugewinnen. Die meisten Ideen sind temporär angelegt. Manche wandern von einem Standort zum nächsten. Und Standorte gibt es genug. Rund 80 Prozent aller Häuser im Zentrum Christchurchs, der sogenannten Roten Zone, werden abgerissen, weil sie komplett zerstört wurden oder es zu teuer wäre, sie zu reparieren. Zurück bleibt eine urbane Wüste.

Gerade bastelt die Gap Filler-Gemeinschaft an der nächsten Idee: Mit Hilfe von Rollrasen werden über den Winter Lücken in kleine Golfplätze verwandelt. Wer braucht da noch Lach-Seminare.