Woolen Socks and Stockfish

Reportage

REYKJAVIK. Unaufhörlich prasseln Steine gegen den Unterboden des kleinen Mietwagens. Schlaglöcher wohin man schaut. Es ist fast unmöglich, dem schwarzen Jeep zu folgen, in dem Ingo Olsen und Hrein Halldorsson davon rasen. An einigen Stellen jenseits der Schotterpiste liegt noch Schnee. Doch es ist Frühling in Island und die beiden jungen Männer suchen Wellen. Sie gehören zum kleinen Kreis derer, die die Insel am Polarkreis als Surfparadies für sich entdeckt haben.

Mit den US-Soldaten, die bis 2006 auf einer Basis südlich von Reykjavik stationiert waren, kam der Surfsport auf die Insel. „Ich träumte noch von Hawaii, da erzählten mir Freunde, die mit den US-Jungs unterwegs waren, von sagenhaften Wellen hier bei uns“, sagt Olsen. Seitdem surft der 30-Jährige, wann immer er die Zeit findet, zu jeder Jahreszeit. „Wir haben hier Tricks gegen die Kälte entwickelt.“

Als Olsen seinem Vater, einem ehemaligen Fischer, erzählte, dass er hier auf Island mit dem Surfen anfangen wolle, hielt der das für keine gute Idee. Vor allem aus Respekt vor dem Ozean. Olsen fing trotzdem damit an und entschied sich damit nicht nur für eine Sportart sondern auch für einen Lebensstil.

Für Menschen wie Olsen ist Surfen nichts, was man mal im Urlaub macht. Ein oder zwei Wochen im Jahr. Surfen – das ist für ihn, dem Leben einen Sinn geben und sich gleichzeitig der Sinnsuche entziehen. Es ist ein Gegenentwurf zum Leben, das sich an Koordinaten wie Karriere und Wohlstand orientiert. Seit er 18 ist organisiert Olsen seinen Alltag um das Wellenreiten herum. Nicht umgedreht.

Immer wieder fahren die beiden Freunde mit ihrem Geländewagen rechts ran. Schauen aufs Meer, auf die Wellen. Den Orten mit den besten Wellen haben sie Namen gegeben. Einer heißt Rolling Stones. Wenn der Wind peitscht und das Meer tobt, kann man hier in der Brandung die Lavasteine hören, die auf dem Meeresboden hin und her rollen und aneinander stoßen.

Schließlich biegt der Jeep ab, nach Thorlakshöfn. Láki nennen die Polarkreis-Surfer den Ort. Es stinkt nach Fisch, der hier landestypisch in Öfen getrocknet wird. Am Strand, der schwarze Steine statt Sand zu bieten hat, packen die Männer ihre Bretter aus. Der Wind pfeift über die Bucht. Wer keine Handschuhe dabei hat, vergräbt die Hände in den Jackentaschen.

Ein alter Kombi kommt heran gebraust. Nirvana tönt aus den halb geöffneten Fenstern. Vier junge Männer steigen aus. Lange Haare, bunte Kapuzenpullover, große Sonnenbrillen. Olsen begrüßt die Freunde. Er zeigt auf zwei der Neuankömmlinge: „Die beiden sind Fischer. Sie gehören zu den besten Surfern der Insel.“

Keiner der Jungs ist nach üblichen Maßstäben erfolgreich oder hat vor Karriere zu machen. Wie auch. Während andere Überstunden schieben, jagen sie Wellen und leben in einer Blase, in der Wetterbericht, Gezeiten und Meeresströmungen den Rhythmus vorgeben. Einige Surfer sehen sich deswegen, nicht ganz ungerechtfertigt, als Angehörige eines weltweiten Stammes, mit eigenen Werten und Regeln.

Wenn Olsen nicht surft, arbeitet er als Outdoor-Guide, führt Touristen über Gletscher und durch Steinwüsten. Außerdem hat er mit einem Freund das Projekt Arctic Surfers ins Leben gerufen. Er bietet die ersten Surfcamps auf Island an und will so „reisende Surfer“ weltweit für die Wellen am Polarkreis begeistern. Auch Olsen verreist regelmäßig, obwohl er die Wellen vor seiner Insel liebt – meist in wärmere Gefilde.

„Ich versuche jedes Jahr rauszukommen, war auf den Philippinen, Dänemark, den Kanaren, Neuseeland.“ Mittlerweile habe er Freunde in der ganzen Welt, sagt er. Man besucht sich, teilt die Geheimnisse der lokalen Surfspots. Oft kümmern sich die Gastgeber um eine günstige Unterkunft. Surfen ist längst eine globale Subkultur – im Guten wie im Schlechten. Seit Jahrzehnten vermarkten Konzerne das Image des Sports. In Form von T-Shirts, Schuhen und Hosen verkaufen sie das Gefühl von Freiheit und Lässigkeit an Großstädter weltweit, die sich nach einem einfachen Leben im Einklang mit der Natur sehnen.

Olsens Freund Halldorsson holt schwarze Neoprenanzüge mit Kapuze aus dem Kofferraum des Jeeps. Wie eine fünf Millimeter dicke Gummihaut legen sie sich über den Körper. Nur das Gesicht bleibt frei. „Das Wasser hat ungefähr sechs bis acht Grad in diesen Tagen“, sagt Halldorsson. Bevor sie sich auch die Neoprenschuhe anziehen, streifen sie sich Wollsocken über die Füße. Dann spült Olsen die Schuhe mit heißem Wasser aus und zieht sie über die Strümpfe. „Mit kalten Füßen hält man es keine fünf Minuten aus. Aber richtig präpariert – eine Stunde oder mehr.“ Deswegen kaufe man sich auf Island auch zuerst einen vernünftigen Neoprenanzug und erst danach ein ordentliches Brett.

Olsen steckt sich noch ein Stück getrockneten Fisch in den Mund. „Das bringt Energie.“ Dann steigt er über riesige Gesteinsbrocken hinunter auf den felsigen Strand, der zum Meer hinabführt. Die Steine hängen voller Seetang und kleiner Schnecken, die beim Darüberlaufen leise knacken.

Olsen und Halldorsson paddeln hinaus ins Line-Up, dort wo die Wellen beginnen zu brechen und sich die Surfer aufreihen. Oder besser: aufreihen würden. In wärmeren Gewässern müssten sie Wellen wie diese mit einer ganzen Meute teilen. Wer dort nicht zu den Einheimischen, den „Locals“ gehört, muss aufpassen. Verletzt man die Spielregeln, nimmt einem der Lokalmatadoren die Vorfahrt oder stellt sich als Anfänger dumm an, bekommt man den „Localism“ zu spüren. Mal äußert sich der in wüsten Beschimpfungen, mal in zerstochenen Autoreifen.

„In Island kommt so was nicht vor“, sagt Olsen später. Die Küsten sind lang, die Wellen zahlreich und die isländische Szene umfasst nur rund 50 Surfer, fast ausschließlich Männer. Der harte Kern, also die, die das ganze Jahr über surfen, besteht aus nicht mehr als 20.

Gut zwei Meter hoch sind die Wasserwände, die sich jetzt hinter den zwei schwarzen Punkten im Meer aufbauen. Während Olsen die erste Welle nimmt, geht weiter hinten ein roter Trawler vor Anker. Am Horizont leuchten die schneebedeckten Hänge des Eyjafjallajökull in der Nachtmittagssonne.